Semmering — Endstation Schwindsucht Andreas Augustin

Semmering — Endstation Schwindsucht

( words)

AUSTRIA / SEMMERING REGION

On 16 May 1854 the Austrian Emperor Franz Joseph and Empress Elisabeth inaugurated a new railway line over a mountain called Semmering, south of Vienna, managing a difference in altitude of 457 m. Its highest point is 896 m above sea level. Particular locomotives had to be constructed to manage the climb. This mountain train passage became the role model for similar tasks around the globe. This part of the railroad is 41 km long, climbs over 16 viaducts (including several two-storey), 15 tunnels and 100 arched bridges. A UNESCO World Heritage Site. Famous along the route became a village called Semmering. It grew into a famous resort. Today it is a mundene desserted place, awaiting a new lease of life. This is a report of a dying region — in German - please employ your page translator.

Semmering

 

Endstation Schwindsucht

 

Eine Bestandsaufnahme auf der Terrasse des Kurhauses


Andreas Augustin


Ich stehe auf der Terrasse des "Kurhaus Semmering". Einen Steinwurf entfernt zieht sich wie eine Riesenschlange ein Railjet von einem Tunnel zum nächsten durch den Bahnhof Wolfsbergkogel/Semmering. Er kommt aus Wien. Die Passagiere geniessen wohl auch die Aussicht. Die Gemeinde Semmering gibt viel Geld dafür aus, dass die Blickachsen nicht überwuchert werden. Der "20-Schilling Blick" zierte schon den alten zwanzig Schilling Schein. Kein Wunder, dass unsere Vorfahren in den heißen Sommermonaten gerne hier herauf gekommen sind. 5 Grad weniger als in Wien zu jeder Tageszeit sind garantiert. Die Luft ist rein, am frühen Abend zur Aperitifstunde prickelt sie wie Champagner auf der Haut.

Gleich beginnt „Sonntag 1918“ von Michaela Ronzoni. Uraufführung. Spannend.

Wohlmeinend gauktelt uns der Kultur.Sommer.Semmering vor, dass am Zauberberg alles in Ordnung ist. Es wird rechtzeitig dunkel, ehe das kritische Auge die Details wahrnimmt. Wer noch immer durch die rosarote Zweigsche Brille verstohlen auf eine Welt von gestern schielt, möge bitte aufwachen. Kein Schnitzlerisches Fräulein kreuzt den grünen Tann, sondern von Wurzel zu Wurzel stürzende Mountainbiker. Der Herr Leutnant, der liebe Hofreiter, sie stehen nicht mehr auf den Terrassen der Hotels, die wie liegengebliebene Ozeanriesen aus dem Grün des Berges herausragen. Das Kurhaus ist bei näherem Hinsehen mit einer alpinen Holzfassade von verblichenen Farben eingedeckt. Den einzigen Patienten, den es beherbergt, ist es selbst.

Irgendwie reicht es. Seit Jahren ist der Semmering, ach wie gerne würde ich an dieser Stelle „Objekt der Begierde“ schreiben, aber mir fällt eigentlich nur „Parkplatz“ ein, und zwar für Investments geheimnisvoller Spekulanten. Die lassen wohlmeinende Kulturschaffende in ihren Ruinen Theater spielen, um ihrer Untätigkeit Legitimation zu verleihen.

Es ist zu wenig, mit romantisch verklärtem Blick auf der Terrasse zur Dämmerstunde über das Tal zu blicken, um seufzend auszustoßen: Diese Ruhe. Diese Luft. Diese Kühle. Also besteht Intendant Florian Krumpöck auf den „Treffpunkt der mondänen Welt des fin-de-siècle“. Doch das Kurhaus war nie Luxushotel, sonder seit seiner Eröffnung im Jahre 1909 eine 90 Betten Kuranstalt für Hydro- und Mechanotherapie, um 1930 eine „Physikalisch-diätetische Höhen-Kuranstalt 1000 m ü. d. Meere, 2 Stunden von Wien. An der Südbahnstrecke Wien—Triest. Für Rekonvaleszente, Erholungsbedürftige, Nervöse (Neurasthenie, Morbus Basedowii), Schwächliche (Abhärtung), Stoffwechsel-Anomalien, Magendarmkranke und Anämien.“ Hier trafen sich überspannte Adelige zur Luftkur, Operettendiven kurierten ihre Stimme, die Schnitzlers, Altenbergs und der Kainz waren im Südbahnhotel.

Das Kurhaus von der Terrasse des Südbahnhotels ... wie liegengebliebene Ozeanriesen aus dem Grün des Berges ...


 

Die Organisation Kultur.Sommer.Semmering bemüht sich, eine seiner ausschließlich morbiden Spielstätten im Ort mit Tod zu beleben.

Wer heute träumend mit der Vergangenheit spielt, ahnt nicht, dass das Kurhaus vor einem Jahrzehnt inklusive 10 ha Land um bescheiden anmutende 780.000 € den Besitzer gewechselt hat. Die Investoren – ein kasachisches Konsortium. Seit dem läßt man Theater spielen. Die Organisation Kultur.Sommer.Semmering bemüht sich, eine seiner ausschließlich morbiden Spielstätten im Ort mit Tod zu beleben. Jetzt feiert eben „Sonntag 1918“ von Michaela Ronzoni dort Uraufführung. Liebelei und Betrug samt Emanzipationskiste und Judenhass im Wien von 1918 finden ihren Weg auf den Semmering. Im Stück kommt die Schwindsucht, also TBC, todbringend an ihre vermeintliche Heilstätte zurück. 

Das funktioniert dann so: Der Baustrom für den Abend wird eingeschaltet, die Toiletten funktionieren überraschend. Man hat ein „bisserl investiert“ und schon passt es klassisch österreichisch. Auffallend solide gebaute und freundlicherweise trotzdem charmant knirschende Holzbalkone, starre schon lange nicht mehr schließende Fensterläden, von denen der Lack nicht mehr abblättert, sondern bröselt, Speisesäle im zarten Jugendstil Dekor, Einzelzimmer mit dem Charme von Gefängniszellen und Stiegenhäuser mit frischen Topfpflanzen stellen die Dekoration. Eine französische Filmgesellschaft hat für Dreharbeiten einen der Säle mit messingblitzenden Jugendstil Beleuchtungskörpern ausgestattet. Sie wieder abzunehmen hat nicht gelohnt. 

Das Theaterpublikum muss nicht erst seit „Alma“ im Kurhaus darauf gefasst sein, dass es einen Wandertag gebucht hat. Selbst der TBC Kranke hirscht behende vom Erdgeschoss in den ersten Stock und retour, um sein persönliches Drama zu entfalten. Doch dieser Feuilletoneintrag wird ja keine Theaterkritik, sondern ein Blättern in der Akte „Semmering“. Damit kein Irrtum aufkommt: am Semmering wurde nie TBC behandelt. Das war der Gemeinde zu gefährlich, sodass sie gegen einen Shitstorm ankämpfen musste, als sie 1913 die Errichtung einer Lungenheilstätte untersagte*). Die Luxushotels und Villenbesitzer am Berg waren entschieden gegen die Anwesenheit von tuberkulösen Schwindsüchtigen. Dass die Luft geeignet wäre, Lungenkranke zu heilen, ist unbestritten. Seit jeher gilt der Semmering als „heilklimatischer Kurort“. Eine Messstation der ZAMG überprüft das heute noch permanent.

... nicht nur Kulisse für Zweig, Schnitzler und Co., sondern vermutlich der originale Tatort ...

Wenden wir uns dem etwas höher gelegenen Südbahn Hotel zu, von dessen Terrasse tatsächlich die Elite des fin-de-siècle, 20 Jahre später die Zwischenkriegsgewinnler und schließlich, in den 1950ern, die Nachkriegssociety, die Heilungsuchenden im Kurhaus aus liebevoller Distanz bei der morgendlichen Ertüchtigung beobachten konnte. Es ist der zweite große Schauplatz der Kultur — seine prachtvollen Speisesäle nicht nur Kulisse für Zweig, Schnitzler und Co., sondern vermutlich original der Tatort.

Kaum ein offenes und funktionierendes Hotel auf der Welt erlebt innerhalb von wenigen Jahren zwei Buchpräsentationen, in denen es selbst zum Thema wird. Das seit Jahrzehnten geschlossene Südbahnhotel hat es geschafft. Die Fotografin Yvonne Oswald fotografierte die einbalsamierte Leiche für ihr Buch „Das Südbahnhotel: Am Zauberberg des Wiener Fin de Siècle / the Magic Mountain of Vienna's Fin de Siècle“.

Rechts: Zimmerflucht im Südbahnhotel. Parkett und Kästen, Lampen und Betten warten darauf bezogen zu werden. 

Die Kunsthistorikerin Désirée Vasko-Juhász präsentierte kürzlich die Neuauflage des 400 Seiten Wälzers „Die Südbahn – Ihre Kurorte und Hotels“. Alle ein dramatischer Schwanengesang auf eine Region. Dass Vasko-Juhász im Südbahnhotel ein Museum über seine Vergangenheit installieren möchte, ist ein w. o. gegenüber der Wirklichkeit. Und definitiv keine Lösung. Der deutsche Besitzer des Hotels ist die Klinik Bavaria Rudolf Presl GmbH. Im Südbahnhotel ließ sie bereits Bettenlifte einbauen, das Dach wurde neu gedeckt, alles war auf Kurs Reha am Semmering, doch dann scheiterte es an den mangelnden österreichischen Kassenverträgen. Nun möchte er es lieber heute als morgen verkaufen. 8 Millionen Euro, und das Haus gehört Ihnen. 

Drei Auto Minuten davon entfernt liegt das nicht minder berühmte Hotel Panhans, dass seit über einem Jahr geschlossen ist. Überflüssig zu erwähnen, dass erst kürzlich über das Großhotel mit dereinst 400 Zimmer durch seinen langjährige Direktor Eduard Aberham das Buch "Panhans – Ein Hotel und seine Menschen" erschien. In der Tradition des Berges war zu diesem Zeitpunkt das Hotel bereits geschlossen. Destination unbekannt, die Zeitreise findet vorerst nicht mehr statt. Genaues weiß man nicht. Die – hier ukrainischen – Investoren kommunizieren nur spärlich. Im gleichen Besitz steht das bekannte Kurhaus Dr. Stühlinger. Es hat 2016 den Konkurs angemeldet und ist ebenfalls geschlossen. 

Im Panhans wird gearbeitet. Vereinzelt dringen Gerüchte von liebevoller Restaurierung und wiederentdeckten und freigelegten alten Fresken an die Öffentlichkeit. Schön wär’s, wenn wir die im Winter zu sehen bekämen. Der Ski Weltcup macht ja alle Jahre im Jänner hier Station. 

Somit wären wir beim Zauberberg, dem Mekka für Nachtskifahrer und das Einrutschgebiet für Wiener, die dann nach Zell am See oder Kitzbühel „richtig schifahren gehen“. Er stinkt zum Himmel. Sprichwörtlich. Das vor dem idyllischen Seewirt, der letzten Bastion der Kulinarik (wer weiß, wann die tapferen Wirtsleute gezwungen sind, aufzugeben?), gelegene Wasserreservoir, mit dem im Winter die Pisten beschneit werden und das im Sommer zumindest für eine optische Erfrischung sorgen sollte, ist leer. Und riecht streng. Die ukrainischen Investoren haben die Feuerwehr nicht bezahlt, der Teich wurde nicht aufgefüllt. Der spärlich asphaltierte Parkplatz davor wird von Campern und Bykern belagert, die sich rasch mal ein Würstchen braten, bevor sie in den Schlafsack schlüpfen. 

In Abwesenheit von (wenigsten vier Sterne, bitte!) Leitbetrieben am Wiener Hausberg profitieren die kleineren Häuser von Attraktionen wie einem Bahnwanderweg, der 25.000 Menschen pro Jahr anlockt. Da kommt natürlich nicht die "mondäne Luxusgesellschaft des fin-de-siècle". Schließlich ist ein Bahnwanderweg auch kein freistehendes Hallenbad mit verschiebbaren Glaswänden, in dem sich die High Society von Wien räkelt (Panhans, 1930er). 

Mangels Angebot verirrt sich auch unsere work-life-balanced Society an ihren Home-Office-Days nicht hierher. Wo doch der Blick ins Grün ungemein beruhigt. Aber es gibt Hoffnung. Die private 6-Schlafzimmer Villa Antoinette ist mit Euro 1.500,00 pro Nacht ein unbescheidener Versuch, den Luxusgast auf den Semmering zurück zu holen. 

So, verehrte Zuständige, stellen wir uns Tourismus in Österreich nicht vor. Anzunehmen, dass die Schwindsucht geheilt ist, ist ein Irrtum. Sie ist schleichend am Semmering angekommen. Während ich all dies denke, kommt ein Regionalzug aus dem Tunnel und verschwindet schon im nächsten. Er ist auch noch nicht am Ziel. Die Sehnsucht hat zur Zeit woanders Endstation.



Semmering Fakten:
http://www.statistik.at/blickgem/gemDetail.do?gemnr=31838

Betten / EW / Nächtigungen

Semmering    700 verfügbare Betten / 550 Einwohner (1,27 Betten pro Einwohner. Zum Vergleich: Reichenau 0,22)

Einwohnerzahlen:
2017 — 550 Einwohner
1971 — 1.100
1923 — 1.800
1900 — 591
1869 — 135

2017:    außerdem 460 Studenten 

2008 wies der Semmering 100.000 Nächtigungen aus,
2017 waren es nur 50.809

Bettenauslastung 1978–2008 zwischen 30-40%
2008 war man zu fast 80% auf österreichische Gäste angewiesen.

2006 gab es 45 Erwerbstätige und 192 Beschäftigte Arbeitsplätze im Beherbergungs- und Gaststättenwesen.
(In Semmering unterstreichen diese Zahlen die Bedeutung des Fremdenverkehrs, da rund 47 Prozent der Beschäftigten und knapp 20 Prozent der Erwerbstätigen im Beherbergungs- und Gaststättenwesen tätig sind.)

Anteil der Fremdenverkehrsabgaben (2008) in Semmering 10% der gesamten Steuereinnahmen


Kultur.Sommer.Semmering

Kultur.Sommer.Semmering bietet ein ambitioniertes Sommerprogramm. Renommierte Namen der Wiener Szene treffen auf Newcomer. Respekt! Den Kurgästen käme das gelegen wenn es sie gäbe. Das Publikum reist in der Mehrzahl extra von Wien an. Das ist wahre Treue. Anderseits, so eine Kulisse gibt es nicht einmal im Burgtheater.

kultursommer-semmering.at
Intendanz: Florian Krumpöck
Geschäftsführung: Nina Sengstschmid

Bücher:
Désirée Vasko-Juhász
Die Südbahn
Ihre Kurorte und Hotels
http://www.boehlau-verlag.com/newbuchliste.aspx
2. Auflage 2018, 415 S.
zahlr. z.T. farb. Abb.
28 x 22 cm
Preis: € 57.00 [D]  |   € 59.00 [A]
ISBN: 978-3-205-20004-8

Panhans - Ein Hotel und seine Menschen
Ein Hotel und seine Menschen
von Eduard Aberham
Auflage 1. Auflage
Hardcover, 280 Seiten; 267 mm x 225 mm
2017 Kral, Berndorf
ISBN 9783990246818
https://www.kral-buch.at/list/9783990246818
€ 26.90

Yvonne Oswald
Das Südbahnhotel Fotobuch 
Das Südbahnhotel - am Zauberberg des Wiener Fin de Siècle
http://www.yvonneoswald.at/de/portfolio/fotografie-werkserien/fotos-projekt-das-suedbahnhotel-semmering.html

http://www.villa-antoinette.at/index.html


*) Wiener Sonn- und Montags-Zeitung, 10. März 1913


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