Wien: Claus Peymann liest Thomas Bernhard Andreas Augustin

Wien: Claus Peymann liest Thomas Bernhard

( words)

9.10.2018


Eine glückliche Fügung (man kann ruhig sagen: der reine Zufall) bringt den Autor dieser Geschichte in das Wiener Akademietheater, wo er dem Theatermacher Claus Peymann gegenübersitzt. Der gibt an diesem Abend seine Leseshow "Claus Peymann liest Thomas Bernhard — Meine Preise“. Dabei kommt es zu einem interessanten Regieeinfall.


ANDREAS AUGUSTIN


Zufällig im Akademie Theater. Noch eine Vollpreiskarte an der Abendkasse. Möchte mir ansehen, wie der große Theatermacher auf der Bühne steht. Wie er liest.

Er betritt in schwarzem Bert Brecht Outfit die Bretter, leitet locker ein, springt auf der Bühne umher. Er preist seine Biographie „Mord und Totschlag“ und ein Hörbuch an, erzählt dass man das im Auto bequem in den – macht eine Schiebebewegung mit der rechten Hand, in der er eine fiktive CD hält — Player schieben und zum Beispiel bis Graz gehört haben könnte. Claus Peymann selbst fährt ja nicht Automobil — nein, das hätte er jetzt zwar probiert, aber mit 81 noch den Führerschein zu machen, das war dann wohl nichts.

Er plaudert witzig und entspannt von fünf Lipizzanern, die er am Morgen im Burggarten angetroffen hatte. Peymann ist sichtlich gern in Wien und freut sich wenn man ihn erkennt (Jessas, sind Sie wieder da?!?)— man sehnt sich hier ja nach den Verfemten. Er ist ganz der Theatermacher und — Burgtheaterdirektor. Schon im nächsten Satz macht er Werbung für sein Zweitagesprogramm: „Sie kommen doch hoffentlich auch morgen! Das ist ja der wahre Höhepunkt der Sache! Und es gibt noch 65 Karten!“

Jetzt zupft Peymann schwarze Tücher von der dürftigen Dekoration (hier wollen wir nicht Bühnenbild sagen) und die Namen der heute besprochenen "Preise" kommen zum Vorschein. Er schnappt sich ein Manuskript, beginnt im Stehen zu lesen, lässt sich dann in einem Loom Chair nieder. Nun wird auch das Bild von Tante Hedwig enthüllt. Sie wird fortan hin und her gedreht, spielt also mit, und wendet sich auch mal ab.

Nach jeder Seite wirft er die Blätter in hohem Bogen um sich, am Ende soll er in einem See von Papier sitzen. Ich hatte diese Idee auch schon mal. Jetzt merke ich (mir) dass das echt lässig aussieht, aber gegenüber dem Manuskript abwertend wirkt.

Die Anekdoten von Thomas Bernhard sind seine autobiographische Bilanz über die ihm verliehenen Literaturpreise. „Detailliert schildert er die Tragödien, zu denen sich die Überreichungen dieser Preise jeweils entwickelten“ steht im Programm. Die erste Geschichte „Der Grillparzerpreis“ führt uns in das Wien um 1971. Peymanns schnürt die darin beschriebene Geschichte — kurz zusammengefaßt könnte man sagen „Thomas Bernhard kauft sich einen Anzug und geht dann essen“ — hörbar den Hals zu.

Peymann hustet, räuspert sich, liest weiter als sei nichts gewesen. Bernhards Anzugskauf für die Preisverleihung ist eine Räuspertour über den Kohlmarkt, den Graben, die Kärntnerstrasse. Als Peymann wieder husten muss, greift er in die Tasche, zieht ein überdimensional großes weißes Tuch hervor, putzt sich die Nase. Das Publikum sieht tatenlos zu. Was soll man auch machen. Da geht es dem da auf der Bühne schlecht ... und man ist zur Tatenlosigkeit verdammt.

Peymann liest hingabevoll. Spielt, feixt, streckt und windet sich – köstlich. Dann ein weiterer Hustenanfall. Er entschuldigt sich zum ersten Mal. Er gestikuliert wortlos genial „diese trockene Luft hier herinnen, aber so ist das eben, auf der Bühne. Was soll ich tun…?“

Die Leute lieben ihn. Doch was hat er nur? Ein Schluck Wasser täte Wunder. Wo ist der Requisiteur? Kann niemand helfen? Man spürt, wie aus dem Publikum ein freundliches Mitgefühl aufsteigt, langsam die Rampe der Bühne erreicht. 
Peymann liest weiter, rutscht unruhig hin und her, hustet neuerlich.
Dann eine Stimme aus dem Off. Aus dem Publikum. Aus tiefstem Herzen. Wie eine Erlösung. Ein wirklich ehrliches Angebot. 
„Ein Glas Wasser?“
Peymann stutzt scheinbar, aber reagiert prompt.
„Nein danke,“ und ergänzt „ …das ist nur die Nervosität ... Bernhard, …“
Er schüttelt sich kurz auf seinem grünen Loom Chair, dann ein Moment der Erkenntnis: 
„Und jetzt ist sie schon weg!“

Ein flüchtiges Lächeln, ein Blick in die Richtung des freundlichen Rufers aus dem Publikum. 
Er liest 75 Minuten ununterbrochen weiter. „Die Ehrengabe des Kulturkreises des Bundesverbandes der Deutschen Industrie“, „Der Literaturpreis der Freien und Hansestadt Bremen“, „Der Julius-Campe-Preis“, … und hustet kein einziges Mal mehr.
Dieser Theatermacher!

Jetzt, da ich diese Geschichte aufschreibe, fällt mir ein.
Ein Seufzer der Erleichterung war durch das Publikum gegangen.
Jemand hatte geflüstert, dass er auch schon fast .... 
Ein witziger Regieeinfall — dachten alle. 
Alle. 
Bis auf einen. 

Großer Applaus am Schluss — beglücktes Verbeugen. Sie würden wiederkommen am nächsten Abend, und 65 Freunde mitbringen. 

Die zwei außergewöhnlich hübschen Damen, die mich nach der Lesung auf der Straße beobachteten, als ich ins Auto stieg, lächelten mir verschwörerisch zu.
„Der war das mit dem Glas Wasser.“ sagte die eine zur anderen.

Ich erwog ernsthaft, am nächsten Abend wieder zu kommen.


P.S.: in Vorbereitung dieser Story las ich nochmals die Inhaltsangabe von Thomas Bernhards Der Theatermacher. Diese Zeile fiel mir auf: Bei den Proben des Stückes mit seinen Kindern und der scheinbar erkälteten Frau („ihr ganzes Talent investiert eure Mutter in ihre gespielten Krankheiten“) erweist sich der Theatermacher Bruscon dann als regelrechter Tyrann. (Wikipedia)

Liebe Grüße aus Wien

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